In der heutigen Kastanienallee 71 steht ein markanter Gebäudekomplex, in dem sich heute die Berufsbildende Schule V (BBS-V) und die Technikerschule befinden. Früher war dies der Standort der Eisengießerei Grimme.
Im Jahr 1871 schloss sich Grimme mit dem Nähmaschinenhersteller Natalis zusammen.
Als das Geschäft mit Nähmaschinen Anfang der 1880er-Jahre einbrach, stellte die Firma auf die Produktion von Rechenmaschinen mit Sprossenrädern um. Diese Maschinen – auch bekannt als das „Gehirn aus Stahl“ – trugen fortan den Namen Brunsviga. Unter der Leitung von Franz Trinks wurde hier bis 1926 die Grundlage für viele Rechen- und Addiermaschinen gelegt – Trinks erfand zudem die erste schreibende Rechenmaschine der Welt.
Nachdem durch den Verkauf von 10 000 Rechenmaschinen allein im Jahr 1937 ein neuer Firmen-Rekord erreicht war, beschränkte sich die Rechenmaschinenherstellung während des Krieges auf wenige Modelle. Insbesondere für den Heeresbedarf der Wehrmacht wurde die BRUNSVIGA 0 13 Z für ballistische Berechnungen gebaut. Außerdem nahm „Brunsviga“ den Auftrag für ein „Richt- und Tiefen-Feuergerät“ (Maschinengewehr-Zubehör) an und stellten Zeitzünder für die 8.8 cm Flakgranate her.
Ab 1942 beschäftigte Brunsviga auch Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiteninnen sowohl zur Herstellung von Rechenmaschinen als auch von Heereslieferungen. Darunter auch Jan Dziewanowski (*22. Juni 1931 in Warschau) und seine Mutter. Einen Auszug seines Berichts ist bei Station 1 zu lesen.
Über seine Arbeit berichtet er:
„Am nächsten Tag nach unserer Ankunft im Lager Schützenplatz, in frühen Morgenstunden, brachte unser „Käufer“ einen Teil von uns, d.h. diejenigen, die arbeitsfähig waren – etwa 20-24 Personen, darunter vier Jungen im Alter von 13- 15 Jahren – zur ca. 4-5 km vom Lager entfernten Fabrik in der Kastanienallee. In der Fabrik, nach der Überprüfung unseren Personalien, verteilte man uns an verschiedene Arbeitsstellen. Ich wurde zur Arbeit an einer Stanze, meine Mutter in die Dreherei zugeteilt.
Eine mir bekannte Familie (Mutter mit einer Tochter und einem Sohn), alle mit relativ dunkler Hautfarbe, wurde als Zigeunerfamilie angesehen und zur schmutzigen Arbeit zugeteilt: Sie verluden Kohle und Briketts von einer auf andere Halde und es gab sehr viel Tonnen davon.
Ich arbeitete an einer Stanze, aber ziemlich oft auch als Transportarbeiter: Ich brachte mit einer Karre Material aus dem Lager. Diese Arbeit erforderte viel Kraft.
Wir arbeiteten 12 Stunden täglich, vom 6.30 bis 18.30 Uhr, mit 30 Minuten dauernder Pause. Samstags arbeitete man acht Stunden.
In meiner Abteilung arbeiteten fast nur Frauen, bis auf zwei oder drei ausländische Arbeiter, die an schweren Pressen arbeiteten.“
Die deutschen Bürgermit denen Jan Dziewanowski in Kontakt kam, behandelten ihn sehr unterschiedlich. Einige versuchten ihm zu helfen, andere hinterließen besonders schlechte Erinnerungen:
„Der Meister, ein Deutscher, war Kriegsinvalide. Er behandelte mich korrekt. Er teilte mir die Arbeit zu und forderte mich auf, diese Aufgabe gewissenhaft durchzuführen. Im Dezember 1944 merkte er, daß ich keine richtigen Arbeitsschuhe habe (ich hatte nur Tennisschuhe) und gab mir einen Schein, damit ich im Magazin Schuhe bestellen konnte. Ich erhielt dort Holzschuhe.
In dieser Abteilung arbeitete ein junges, schönes 18-20 jähriges Mädchen. Eines Tages während der Pause fragte sie mich, warum ich nicht frühstücke? Ich antwortete, daß ich nichts zum Essen habe. Dann gab sie mir einen Teil ihres Frühstückes. Und sie tat es an jedem folgenden Tag. Sie brachte mir auch einen Pullover, Hose und Halbschuhe (leider Damenschuhe). Mein Glück war aber nur von kurzer Dauer. Anfang Oktober [1944] wurde sie zu einer Flakabteilung eingezogen. Ich weiß nicht, ob sie den Krieg überlebte. Sie blieb in meiner Erinnerung als „Meine Blondine“.
Ganz anders blieb unser „Käufer“ in meiner Erinnerung. Er war in der Fabrik für die ausländischen Arbeiter zuständig. Am schlechtesten behandelte er Polen. Als eines Tages meine Mutter, die schwer magenkrank war, nicht zur Arbeit gehen konnte, brachte er sie zur Polizei. Daraufhin wurde sie für zwei Monate im Arbeitserziehungslager „21“ eingesperrt.
Ähnlich: als ich, krank und schwach, nicht zur Arbeit gegangen war, kam er um 9.00 ins Lager, schrie mich an und brachte mich in die Fabrik.
Ende März I945, statt in die Fabrik, gingen wir in die Nähe des Rathauses, wo man uns auf einem Platz bei den Räumungsarbeiten einsetzte. Dreimal wurde ich für die Räumungsarbeiten in einer H.J.- Kaserne zugeteilt. Dort fuhr ich mit einer Schubkarre. Die schwere Karre ist, da ich zu schwach war, ein paar Mal umgekippt. Ein Junge in HJ-Uniform, der die Arbeit beaufsichtigte, beschimpfte, schlug und trat mich als er das sah.“
Im Oktober 1945 kehrte Jan Dziewanowski mit seiner Mutter nach Polen zurück. Dort arbeitete er zunächst als Fernmeldeingenieur und studierte später in einem Fernstudium Geschichte. Heute lebt er als Rentner in Warschau.
