Station 2: Hugo-Luther-Straße

Die Hugo-Luther-Straße ist ein frühes Beispiel für Arbeiterwohnungsbau in Braunschweig. 1868 gründeten mehrere Fabrikanten gemeinsam mit dem Stadtarzt Ruck die „Braunschweigische Actiengesellschaft für den Bau von Arbeiter-Wohnungen“. Ab 1873 entstanden am damaligen Wolfskamp lange Reihenhäuser, die später die Hugo-Luther-Straße bildeten. Auch die Jahnstraße geht auf diese Bautätigkeit zurück. Das Viertel, das wegen seiner abgeschlossenen Lage „Belfort“ genannt wurde, war vor allem Heimat kinderreicher Arbeiterfamilien. Viele Männer fanden Arbeit in den umliegenden Fabriken, während Frauen häufig als Wäscherinnen oder in Heimarbeit für die Lebensmittelindustrie tätig waren.

Das Umfeld der Straße war von einer Vielzahl an Betrieben geprägt. Dazu gehörten die Tapetenfabrik Franz Josef Boller, die Korkenfabrik W. Brodhage, die Chemische Fabrik Vechelde und die Maschinenfabrik Clemen & Vogel. Sie boten Arbeitsplätze, bestimmten den Alltag im Viertel und prägten dessen wirtschaftliche Struktur.

Neben den Industrieanlagen spielten kleine Geschäfte eine wichtige Rolle im sozialen Leben. Ein Beispiel ist das Gebäude des heutigen Imbisses Jakupi. Anfang des 20. Jahrhunderts befand sich hier ein Lebensmittelgeschäft – ein typischer „Tante-Emma-Laden“. Diese kleinen Läden waren Versorgungsstellen für die Nachbarschaft und gleichzeitig Treffpunkte des Alltags. Oft war es möglich, Waren anschreiben zu lassen, wenn das Haushaltsgeld nicht reichte, was den engen sozialen Zusammenhalt widerspiegelt.

Ein anschauliches Beispiel für den Wandel vom kleinen Handwerksbetrieb zum erfolgreichen mittelständischen Unternehmen ist die Bäckerei Milkau. 1931 eröffnete Otto Milkau an der Ecke Odastraße/Kramerstraße seine Bäckerei. Zunächst versorgte er nur die Anwohner der Umgebung. Sein Sohn Karl, 1932 geboren, erlernte nach dem Willen des Vaters das Bäckerhandwerk, übernahm 1958 den Betrieb und leitete eine Phase der Expansion ein. 1969 ließ er an der Büchnerstraße eine moderne Backwarenfabrik errichten und eröffnete 13 Filialen in Braunschweig und Wolfenbüttel.

1986 trat sein Sohn Axel in das Unternehmen ein und entwickelte es in dritter Generation weiter. Trotz Rückschlägen wie dem Großbrand von 1999 konnte die Bäckerei ihre Position behaupten. Heute beliefert die Stadtbäckerei Milkau mit 22 Filialen die Region und beschäftigt rund 160 Mitarbeiter. Damit steht sie für den erfolgreichen Übergang vom kleinteiligen Nahversorger zu einem modernen, regional verankerten Familienunternehmen.

Die Hugo-Luther-Straße und ihr Umfeld verdeutlichen somit das Zusammenspiel von Arbeiterwohnungsbau, industrieller Entwicklung und mittelständischem Gewerbe, das den Charakter des Westlichen Ringgebiets nachhaltig geprägt hat.

 

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