Station 3: Lager Ackerstraße

Die genaue Position des Lagers Ackerstraße ist heute nicht mehr bekannt. Eine veränderte Straßenführung durch den Bau des heutigen Hauptbahnhofs und Zerstörungen durch Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs erschweren die exakte Lokalisierung.

Das Lager diente ursprünglich als Unterkunft für Bauarbeiterfirmen wie Ph. Holzmann (Frankfurt am Main) und Peter Büscher & Sohn (Münster), die vom Reichsbahnneubauamt mit dem Bau des Verschiebebahnhofs in Braunschweig beauftragt waren. Der Verschiebebahnhof war damals die größte Baustelle in Braunschweig. Weitere beteiligte Firmen waren Georg Keidel (Hannover) und Büssing & Sohn (Gleisbau). Die Anlage war auch als „Arbeitsgemeinschaft (ARGE)-Wohnlager“ bekannt.

Am 20. Juli 1939 berichtete die Braunschweiger Tageszeitung:

„Am Rande des emsig pulsierenden Feldes [zwischen der Ackerstraße und der Borsigstraße] sind die schmucken Lagerhäuser aus der Erde gewachsen.“

Wahrscheinlich stammen aus dieser Zeit auch Postkartenmotive, die später im Krieg unter anderem an ausländische Arbeiter verkauft wurden.

Schon Ende Mai 1940 lebten über 840 polnische Bauarbeiter im Lager. Im Sommer 1941 waren es über 1.500 Männer, getrennt nach Nationalitäten – darunter Polen, Italiener, Serben, Griechen, Tschechen und auch einige auswärtige Deutsche.

1942 kamen etwa 250 sowjetische Frauen ins Lager, die meisten waren zwischen 16 und 18 Jahre alt. Im August 1943 wurden dort 651 sowjetische Kriegsgefangene untergebracht – bis zum Dienstgrad Leutnant. Zwei Monate später verlegte man sie an einen unbekannten Ort. In der letzten Phase des Krieges wohnten dort auch italienische Kriegsgefangene.

Das Lager war umzäunt, und die Baracken der sowjetischen Frauen und Kriegsgefangenen zusätzlich gesichert – mit vergitterten Fenstern. Die meisten Baracken bestanden aus drei Stuben mit jeweils 16 Etagenbetten, es gab aber auch größere mit vier bis sechs Stuben. Ein separater Duschraum war täglich von 16 bis 20 Uhr nutzbar. Die Deutsche Reichsbahn führte Sauberkeitskontrollen durch. Trotzdem waren die hygienischen Zustände schlecht – die Baracken waren verwanzt und mussten regelmäßig desinfiziert werden.

Bis 1940 wurde das Lager häufig von der Polizei kontrolliert, insbesondere im Hinblick auf die Einhaltung der Ausgangssperre (nach 21 Uhr im Sommer, nach 20 Uhr im Winter). Später blieb das Tor offen; wer nach Sperrstunde kam und ertappt wurde, musste 20 bis 40 Reichsmark Strafe zahlen.

Laut Zeitzeugen wurde das Lager von drei Männern geleitet. Einer davon, uniformiert – möglicherweise ein Werkschutzmann der Deutschen Reichsbahn – war mit Pistole und Gummiknüppel bewaffnet und bekannt für Misshandlungen, auch gegenüber sowjetischen Mädchen. Zwei weitere Männer, nicht uniformiert, verhielten sich gegenüber den ausländischen Arbeitern eher menschlich.

Die Verpflegung wurde immer schlechter, je länger der Krieg andauerte. Im Januar 1943 kam es zu einem folgenschweren Diebstahl durch acht Polen vom Lager Ackerstraße, die auf dem Verschiebebahnhof Braunschweig-Ost arbeiteten. Sie stahlen:

„[…] zwölf Kartons Mehl, vier Kisten Konserven mit je 48 Dosen, 16 kleine Fässer mit Fischsardinen und einen Streifen Leder.“

Władysław, 34 Jahre alt, wurde beschuldigt, die Waggons gewaltsam geöffnet zu haben. Obwohl er dies bestritt, verurteilte ihn das Gericht zum Tode. Er wurde am 17. Mai 1943 in Wolfenbüttel hingerichtet.

Die übrigen sieben Angeklagten erhielten Haftstrafen zwischen zwei und fünf Jahren verschärftem Straflager. Zwei der älteren Verurteilten überlebten die Haft nicht:

„Jan L. starb im April 1944 mit 38 Jahren und Johann J. am 16. Januar 1945 mit 42 Jahren an ‚schwerer Lungentuberkulose‘.“

 

Zeitzeug*innen

Pelagia Rogalla (geb. 1925, Ukrainerin) berichtet:

„Im Lager lernte ich meinen späteren Ehemann, Tadeusz Bator, kennen. Sonntags durften wir im Lager spazierengehen, er kam an den Zaun, der unsere Lagerteile voneinander trennte. Ich erinnere mich an jene Nacht vom Samstag auf Sonntag im April 1944. Damals während eines Luftangriffes verbrannte das ganze Lager. Tadeusz Bator hat alles verloren, u.a. auch seinen Arbeitsanzug – während der Bombardierung hatte er seinen zivilen Anzug an.
Tadeusz arbeitete als Schlosser auf einer Baustelle, seine Arbeit war schmutzig, er wollte nicht in seinem zivilen Anzug zur Arbeit gehen, denn dieser Anzug war alles, was ihm geblieben war. Eine neue Arbeitskleidung wollte man ihm aber nicht geben.
Da er in seiner zivilen Kleidung nicht arbeiten wollte, verweigerte man ihm die Ausgabe von Lebensmittelkarten für die ganze Woche. Nach drei Tagen kam ein anderer Pole zu mir und sagte, Tadeusz sei vor Hunger bewusstlos geworden. Ich brachte ihm meine Suppe und ein Stück Brot. Am Abend ging es ihm schon besser. Kurz darauf schrieb er an seine in Polen lebende Mutter, er bräuchte Brot. Sie schickte ihm Lebensmittelkarten.
Tadeusz kaufte Brot, und wir beide aßen dieses Brot in einem Tunnel in der Nähe des Lagers [Rischkamptunnel – K.L.]. Wir weinten, und Tadeusz sagte: ‚Ich vergesse nie, dass du mir das Leben gerettet hast…‘
Am 15. Juni 1945 haben wir in Braunschweig geheiratet. Mit Tadeusz fuhr ich im Mai 1946 nach Polen…“

 

Jan Sikorski (geb. Dezember 1926 in Okocim) schildert die Arbeitsbedingungen:

„Ob mein Alter [13 Jahre und 4 Monate im März 1940] irgendwie berücksichtigt wurde? Ja, aber nur bei der Entlohnung, ich erhielt einen halben Stundensatz für Erwachsene, d.h. 30 Reichspfennig/Std., die Erwachsenen bekamen 60 Rpf. Wir arbeiteten in 2 Schichten: von 6 bis 18 Uhr eine Woche und von 18 bis 6 Uhr die folgende Woche.
Die Arbeitswerkzeuge waren identisch für alle. Es gab solche komischen Situationen, dass z. B. der Schaufelstiel größer war als ich. Sehr schwierig waren für mich die ersten 12-stündigen Nachtschichten. Manchmal schlief ich einfach ein, gestützt auf eine Schaufel, wofür ich Prügel von meinem Meister bekam. […]

Unser neuer Arbeitgeber war die Deutsche Reichsbahn, Güterbahnhof Braunschweig-Ost. Dort führte ich verschiedene Arbeiten aus, vorwiegend arbeitete ich bei der Reparatur von Bahnschienen. Am 2.2.1942, um 12 Uhr hatte ich einen Arbeitsunfall. Ich gelangte unter die Räder des auf dem Gleis Nr. 64 fahrenden Zuges. Über mein rechtes Bein fuhr eines der Zugräder. Das der Knochen unterhalb des Knies zerquetscht wurde, musste das Bein amputiert werden. Aus diesem Grund war ich vom Dezember ’42 bis zum April ’43 im Krankenhaus Marienstift. Nach der Rekonvaleszenz wurde ich in die Werkstatt für Reparatur von Gummiproduktion A. Vollbrecht in Braunschweig in die Münzstraße 4 gerbracht‘. […]“

 

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