Zu den frühen Industriegründungen im Westlichen Ringgebiet gehörte die 1853 entstandene Maschinenbauanstalt Friedrich Seele & Co., aus der später die Braunschweigische Maschinenbauanstalt (BMA) hervorging. Das Unternehmen begann zunächst mit dem Bau von Waggons, spezialisierte sich jedoch bald vollständig auf die Ausstattung von Zuckerfabriken. In unmittelbarer Nähe siedelten sich weitere Betriebe an, darunter ab 1857 die Zuckerraffinerie Braunschweig sowie ab Ende der 1860er Jahre eine Chininfabrik. Neben der Lebensmittelproduktion und den dafür tätigen Zulieferbetrieben prägten vor allem Unternehmen der Schwerindustrie das Viertel. Eisenhütten und Maschinenfabriken stellten ein breites Spektrum her, das von Roheisen und Walzstahl über Dampfkessel bis hin zu Hufeisen reichte.
An diesem Standort, wo sich heute das Jugendzentrum Drachenflug und das Kulturzentrum Nexus befinden, errichtete der „Mühlendoktor“ Gottlieb Luther seine Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt. Sie entwickelte sich zu einem der größten Braunschweiger Unternehmen der Industrialisierung mit mehr als 1.000 Beschäftigten. 1878 übernahm sein Sohn Hugo Luther, studierter Ingenieur, die Leitung. Mehr als 3.000 Getreidemühlen wurden von den Lutherwerken weltweit geliefert und aufgebaut.
Besonders deutlich wird an diesem Beispiel der Wandel der Arbeitswelt. Während in den frühen Phasen der Industrialisierung viele Tätigkeiten ungelernte Kräfte übernahmen, verlangte die Produktion in den Lutherwerken zunehmend nach qualifizierten Facharbeitern. Präzision, technisches Verständnis und spezialisierte Kenntnisse waren unverzichtbar, um Maschinen zu entwickeln, herzustellen und zu warten. Diese Entwicklung führte nicht nur zu einem neuen Selbstbewusstsein der Arbeiterschaft, sondern auch zu veränderten Arbeitsbedingungen. Die Nachfrage nach Fachkräften stärkte ihre Position gegenüber den Unternehmern und führte langfristig zu Verbesserungen bei Löhnen, Arbeitszeiten und sozialer Absicherung.
Parallel dazu wuchs die sogenannte „soziale Frage“. Mit der starken Industrialisierung verschärften sich Probleme wie Wohnungsnot, gesundheitliche Belastungen und soziale Unsicherheit. Darauf reagierte der Staat mit ersten Sozialgesetzen: In den 1880er-Jahren wurden unter Reichskanzler Otto von Bismarck Kranken-, Unfall- und Rentenversicherungen eingeführt. Auch in Unternehmen wie den Lutherwerken gewannen Themen wie Arbeitsschutz, betriebliche Vorsorge und Altersabsicherung zunehmend an Bedeutung – ein deutlicher Kontrast zu den prekären Arbeitsverhältnissen der frühen Industriearbeiter.
1925 fusionierte die Maschinenfabrik Luther mit dem Konkurrenzunternehmen Amme, Giesecke und Konegen zur Maschinenbau- und Industrieaktiengesellschaft (MIAG). In den 1930er-Jahren wandelte sich der Betrieb zu einem wichtigen Rüstungsproduzenten. Es wurden in Lizenz Messerschmitt-Flugzeuge gefertigt sowie Motoren für die Luftwaffe. Während des Zweiten Weltkriegs waren rund 40 Prozent der Arbeitskräfte Zwangsarbeiter, die teilweise in Lagern an der Kälberwiese untergebracht wurden.
Nach Kriegsende beschlagnahmte die britische Militärregierung die Lutherwerke. Teile der Anlagen wurden demontiert, 1947 folgte die vollständige Beschlagnahmung zur Deckung eigener Reparaturbedarfe. Ab 1950 erhielten die Eigentümer den Betrieb zurück und begannen mit klassischer Wiederaufbauproduktion. Gefertigt wurden Nähmaschinen, Schulmöbel und Alltagsgüter – unter anderem wurden aus Stahlhelmen Kochtöpfe hergestellt.
Seit 1979 existieren die Lutherwerke nicht mehr. Die Gebäude haben jedoch bis heute Bestand und wurden in neuer Form wiederbelebt: Heute beherbergen sie mit dem Jugendzentrum Drachenflug und dem Kulturzentrum Nexus wichtige Orte für Kultur und Gemeinschaft.
